Erst Restaurants, jetzt Friseure: Erster Salon erhebt „No-Show“-Gebühr
Innenstadt. Bei Restaurants gibt es sie ja schon: Die „No Show-Gebühr“, wenn eine Tischreservierung kurzfristig oder gar nicht abgesagt wird. Nun hat diese Methode auch bei einigen Potsdamer Friseuren Einzug gehalten. In einer „Cut + Care“-Filiale an der Friedrich-Ebert-Straße prangt ein Schild mit einem freundlichen Hinweis an die „werte Kundschaft“. Aufgrund von vermehrten Terminausfällen durch nicht abgesagte oder zu spät abgesagte Termine sehe man sich gezwungen, eine Stornogebühr in Höhe von 50 bis 100 Prozent der Dienstleistung zu erheben. „Wir bitten unsere Kundschaft, die Termine 24 Stunden vorher abzusagen, da wir sonst nicht die Möglichkeit haben, Termine zu kompensieren. Eine ausgewogene Preispolitik hat nur dann Bestand, wenn die Auslastung der Mitarbeiter gegeben ist. Ausgefallene Termine kosten uns sehr viel Geld.“
Das Hinweisschild ist die Reaktion auf ein Phänomen, das in der letzten Zeit stetig zugenommen hat: Ausgemachte Termine werden nicht wahrgenommen – ohne Absage. „Wir wollen die Menschen auf das Problem hinweisen und Verständnis wecken“, erklärt Ingo Thalmann, Vorstandsvorsitzender von „Cut + Care“-Family mit mehreren Filialen in Potsdam, die Intention. Wenn ein vorab geblockter mehrstündiger Termin – etwa für Haarefärben, Schnitt und anderes – nicht wahrgenommen werde, stehe die Friseurin beziehungsweise der Friseur dann oft mit leeren Händen da, weil sich auf die Schnelle meist kein Ersatzkunde finden lasse. Der Umsatzausfall gehe auf längere Sicht zulasten aller Kunden. „Wir können die Preise nur halten, wenn es eine bestimmte Auslastung gibt“, erklärt Thalmann. „Wertschätzung und Respekt“ gegenüber der Belegschaft würden sich auch in einer rechtzeitigen Absage ausdrücken, sagt Thalmann.
Friseure kämpfen nicht nur in Potsdam mit fehlendem Nachwuchs
Das Phänomen, dass Kunden einfach nicht auftauchen, kennt auch Nicole Krebs. „Das ist ein großes Problem. Man sollte wenigstens den Anstand haben anzurufen und zu sagen, dass etwas dazwischengekommen ist“, sagt die Obermeisterin der Friseurinnung Potsdam, Potsdam-Mittelmark und Havelland. Abgesehen von solchen Ärgernissen sieht sie ihr Handwerk derzeit mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. So wie in vielen anderen Branchen auch macht der Fachkräftemangel schwer zu schaffen. Das lässt sich schon an der Zahl der Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger ablesen. „Es gibt nicht genug Schulabgänger, die ins Handwerk wollen.“
Im vergangenen Herbst begann eine Klasse an der Berufsschule Potsdam – früher waren es zwischen zwei und drei Klassen pro Jahrgang. Krebs kann den Trend auch mit einer bundesweiten Statistik untermauern: Im Bundesdurchschnitt hat ein Salon 2,4 Mitarbeiter. Früher war es fast das Doppelte.
Immerhin: Das Angebot an Läden hat in Potsdam sogar leicht zugenommen. Bei der Handwerkskammer kennt man die genaue Entwicklung: „In der Stadt Potsdam verzeichneten wir zum 31. Dezember 2023 148 Betriebe, im Jahr 2018 waren es 142“, erläutert Pressesprecherin Ines Weitermann auf Anfrage. Auch die Handwerkskammer bestätigt die rückläufige Zahl an Azubis: „Mit Blick auf die Ausbildung waren es im gleichen Zeitraum 2018 47 Auszubildende in der Stadt, 2023 zählten wir 28.“ Was auffällt: Immer mehr junge Männer würden sich für das Friseurhandwerk entscheiden. Während es 2018 nur sieben männliche und 40 weibliche Azubis gab, war das Verhältnis 2023 schon 13 zu 15.
Wie das künftige Arbeitsumfeld der Berufsanfänger wohl aussehen wird? Innungsobermeisterin Nicole Krebs hat jedenfalls „eine Veränderung des Kundenverhaltens“ konstatiert. „Die Abstände zwischen den Friseurbesuchen sind größer geworden.“ Angesichts der gestiegenen Lebenshaltungskosten werde eben der Rotstift bei solchen Ausgaben angesetzt.
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Potsdamer Friseurin: Materialkosten steigen, Grundpreis bleibt – aus Angst vor wegbleibender Kundschaft
Mit gestiegenen Kosten hat auch die Branche selbst zu kämpfen. Eine Friseurin aus der Potsdamer Innenstadt, die anonym bleiben möchte, schildert die täglichen Herausforderungen, zum Beispiel ein Plus von zwei Prozent jährlich bei den Materialkosten. Ihre Grundpreise sind dennoch seit 2022 nicht gestiegen, sagt sie: „Das traue ich mich gar nicht.“ Zu groß sei die Angst, dass etliche aus der Kundschaft dann wegbleiben. Ein richtiger Schlag ins Kontor seien neben den hohen Mieten auch die gestiegenen Nebenkosten.
Handwerkskammer-Sprecherin Weitermann schildert die Situation in der Branche so: „Höhere Energie- und Personalkosten bedeuten natürlich auch einen Anstieg der Verbraucherpreise.“ Der größte Anteil des Energieverbrauchs in einem Friseursalon entfalle auf die Beleuchtung und elektrische Geräte wie Föhne und Waschmaschinen, die zusammen rund 40 Prozent des Gesamtenergiebedarfs ausmachen. Die übrigen 60 Prozent würden für Heizung und Warmwasser aufgewendet.
„Im Jahresdurchschnitt verbraucht ein Salon etwa 30.000 Kilowattstunden, was bei einem kWh-Preis von 0,40 Cent Kosten von circa 12.000 Euro für Licht, Föhne und Elektronik bedeutet. Ein erheblicher Bedarf besteht auch im Bereich der Raumwärme und Warmwasserversorgung“, so Weitermann.
Aber nicht nur die Bedingungen in der Branche haben sich geändert – teilweise auch die Öffnungszeiten. Ein Rundruf bei Potsdamer Friseurläden zeigt: Etliche haben nun auch am Sonnabend Schließtag. Auch das, so mutmaßt Obermeisterin Krebs, könnte mit dem Fachkräftemangel zusammenhängen.
MAZ